Die (traurige) Geschichte von der kleinen Marie


Der kleine Peter und Mariechen saßen wie schon so oft an ihrem Lieblingsplatz am Dorfsee in der Sonne und träumten in den Tag hinein. Mariechen plapperte munter darauf los: „Peterle, wenn ich einmal groß bin, möchte ich ein Engel sein, mit schneeweißen Flügeln, die silbern in der Sonne glänzen und mich hoch hinaus in ferne Welten tragen sollen.“ „Ach,“ sagte Peterle zu Marie, der seine selbstgebaute Angel in den See hielt, „mir würde es schon reichen einen großen Fisch zu fangen. Er sollte aber so groß sein, wie ihn noch kein Mensch gesehen hat. Dann würde ich als bester Angler der Welt immer den Menschen in Erinnerung bleiben.“

Die beiden Kinder verstanden sich prächtig. Sie waren schon befreundet, solange sie denken konnten. Das war nicht selbstverständlich, denn Mariechen war anders als andere Kinder. Die kleine Marie hatte einen Buckel. Keines der Kinder im Dorf störte sich daran. Sie nahmen sie so an wie sie war, denn durch ihr liebes und freundliches Wesen gewann sie alle Menschenherzen, ob groß oder klein.

Aber an diesem Tag war alles anders. So recht freuen konnten sich Marie und Perterle nicht, denn es sollte ihr letzter gemeinsamer Tag am See sein. Mariechens Mutter musste das Dorf verlassen, weil sie sich und das Mädchen nicht mehr ernähren konnte. Im Dorf gab es keine Arbeit für sie, deshalb hatte sie sich entschlossen, mit Marie in die weit entfernte Stadt zu ziehen, um dort eine Arbeitsstelle zu finden. Sie hoffte, für sich und ihr Kind, dass dort alles besser und sie ein ausreichenden Lohn für beide bekommen würde.
Der Tag der Abreise war gekommen. Die kleine Marie und ihre Mutter standen mit ihren gepackten Koffern am Bahnhof und nahmen weinend Abschied von all ihren Freunden. Besonders hart traf es Mariechen. Sie legte ihre kleinen Ärmchen um ihren Peterle und flüsterte ihm schluchzend ins Ohr: „Sei nicht traurig, wenn ich erst einmal ein Engel bin, dann fliege ich zu dir. Dann sind wir wieder zusammen, und ich gehe nie wieder fort."
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Marie schaute aus dem Fenster und winkte solange mit ihrem Taschentuch, bis sie keinen Menschen mehr auf dem Bahnsteig erkennen konnte.
Die Wochen vergingen. Langsam gewöhnten sich Marie und ihre Mutter in der neuen Umgebung ein. Nach und nach wurde die Wohnung liebevoll von beiden eingerichtet, und Mariechens Mutter hatte schon bald eine Arbeitsstelle, die ihr Freude und ein gutes Gehalt einbrachte.
Nun war die Zeit gekommen, da auch Mariechen wieder zur Schule gehen sollte. Sie war aufgeregt. Wie würden die fremden Kinder auf sie reagieren? Würde sie genauso lieb und freundlich wie in ihrer Dorfschule aufgenommen, würde man sie wegen ihres Buckels verhöhnen oder gar auslachen? In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.
Pünktlich morgens stand Mariechen vor dem großen Schultor. Fremde Kinder, die sie argwöhnisch musterten, eilten an ihr vorbei.
Als Marie das Klassenzimmer betrat, kam ihre Lehrerin freundlich auf sie zu, um sie zu begrüßen und willkommen zu heißen. Einige der Kinder tuschelten hinter vorgehaltener Hand, andere kicherten oder schauten sie gar nicht erst an, als würde sie überhaupt nicht existieren. Die kleine Marie wollte traurig davonlaufen, aber in diesem Moment sagte die Lehrerin zu den Jungen und Mädchen: „Dies ist eure neue Mitschülerin. Seid nett zu ihr und helft ihr, sich einzugewöhnen.“ Dann wies sie ihr einen Sitzplatz zu und begann mit dem Unterricht.
Als die Pausenglocke ertönte, gingen alle auf den Pausenhof. So auch Mariechen. Unsicher und verängstigt stand sie ganz alleine in einer Ecke, aß ihr Brot, das ihr ihre Mutter liebevoll hergerichtet hatte und beobachtete das Treiben und Spielen der anderen Kinder.
So ging das Tag für Tag. Keiner nahm Notiz von der kleinen Marie, und niemand sprach je ein Wort mit ihr. Sie fühlte sich einsam und verlassen.
Als sie mit ihrer Mutter über ihr Leid sprach, streichelte diese ihr sanft übers Haar und sagte tröstend: „Gib den anderen Kindern Zeit. Sie müssen sich erst an dich gewöhnen. Du wirst sehen, dann wirst du auch hier Freunde finden, und dann wird alles gut.“
Die Situation für Mariechen änderte sich nicht, ganz im Gegenteil. Ihre Mitschüler ließen sie merken, dass sie mit ihr nichts zu tun haben wollten.  Jetzt lachten sie lauthals über Mariechen und rümpften ihre Nase, wenn sie sie sahen. Sie zeigten ihr offen, dass sie anders war.  
Jedes Mal nach der Schule lief Marie zu einem nahegelegenen Stadtpark, in dem sich ein kleiner See befand. Dort setzte sie sich nieder, streichelte  zaghaft über das grüne Gras und weinte.
Mariechen wurde immer trauriger und wollte sich am liebsten für alle Zeit vor den anderen verstecken. Sie sehnte sich nach ihrem Dorf, ihren Freunden und vor allem nach Peterle zurück. Abends, bevor sie zu Bett ging, kniete sie nieder, faltete ihre kleinen Hände und betete:

„Oh lieber Gott im Himmel mein,
ich möchte so gern wie andre Kinder sein.
Könnte ich nur fliegen, weit, weit fort von hier,
dann flöge ich als Engelein zu dir.
Bräuchte mich nicht ängstigen, nicht grämen,
mich nicht vor den andern Kindern so sehr schämen.
Bitte hilf mir, lieber Gott im Himmel mein,
erlös mich von dem Übel, lass mich eines deiner Kinder sein.“

Doch ihr Leid sollte kein Ende haben. Am nächsten Tag, wieder auf dem Schulhof, musste Marie hören, wie zwei ihrer Mitschülerinnen ihr nachriefen:

„Mine mane muckel,
Mariechen hat ´nen Buckel.
Mine mane grässlich,
Mariechen ist so hässlich.“

Die kleine Marie erstarrte vor Angst. Als sie wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte, holte sie ihren Schulranzen aus dem Klassenzimmer, verließ eiligst die Schule und lief, so schnell ihre Beine sie tragen konnten, zum Park. Dort setzte sie sich am See nieder. Sie war so sehr durcheinander, dass sie nicht einmal mehr weinen konnte. Sie wollte diese Pein nicht mehr länger ertragen und beschloss, fortzulaufen. Nichts und niemand sollte sie jemals wieder dazu bringen, in diese Schule zu gehen. „Ja,“ dachte sie sich, „das ist die Lösung. Ich laufe fort. Weit, weit weg von hier, wo mich keiner findet.“
Im Gebüsch hinter sich, hörte Mariechen ein Rascheln, aber als sie sich umdrehte, konnte sie nichts erkennen. Sie konnte nicht ahnen, dass ihr die beiden Mädchen, die sie auf dem Schulhof so sehr gedemütigt hatten, gefolgt sind und sich hinter dem Dickicht kichernd versteckt haben.
So beschloss sie in dem See zu baden, bevor sie sich auf den Weg machte, der sie in eine ungewisse Zukunft bringen sollte.
Sie zog ihre Kleider aus und legte sie sorgfältig zusammengefaltet am Uferrand nieder. Dann stieg sie langsam in das seichte Wasser, Schritt für Schritt, immer noch in Gedanken verloren und an ihrem Plan festhaltend, in den See.
Die beiden bösen Mädchen hinter dem Gebüsch beschlossen, sich vorsichtig dem Ufer zu nähern, um die Kleider von Mariechen zu verstecken. Marie bemerkte nichts von alledem und war somit den Gehässigkeiten der beiden völlig ausgeliefert.
Als diese ihre böse und hinterhältige Tat vollbracht hatten, gaben sie sich zu erkennen und riefen abermals laut lachend:

„Mine mane muckel,
Mariechen hat ´nen Buckel.
Mine mane grässlich,
Mariechen ist so hässlich.“

Die kleine Marie war so erschrocken und voller Furcht, dass sie aus Angst vor den Mädchen immer tiefer in das Wasser hineinlief. Tief und tiefer, bis man sie nicht mehr sah. Die Wellen schlossen sich über ihren Kopf zusammen, und kurz danach herrschte eine sanfte Ruhe und Stille über dem See.
Die zwei, die dieses Unglück verursacht hatten, lachten nun nicht mehr. Wie versteinert standen sie da und schauten solange suchend auf das Wasser, bis hoch oben der Mond am Himmel stand. Doch von Mariechen war nichts mehr zu sehen. Voller Furcht und Feigheit, ohne Hilfe zu holen, wollten sie sich gerade davonschleichen, als sie mitten auf dem See etwas glänzendes und funkelndes sahen. Wie gebannt blieben sie stehen und schauten neugierig zu, was dort geschah.

Leise teilten sich die Wellen, und aus ihnen erhob sich langsam und lächelnd Mariechen.  Doch dort, wo einst ihr Buckel war, hatte sie zwei schneeweiße, mit Silber durchwirkte, Flügel, die hell im Mondschein erstrahlten. 
Die beiden wollten fortlaufen, konnten sich aber nicht von der Stelle bewegen. Wie von einer unsichtbaren Hand wurden sie festgehalten und gezwungen, die Dinge abzuwarten, die nun geschehen sollten.
Als der Körper von Mariechen die Oberfläche des Wassers fast erreicht hatte, schlug sie mit ihren Flügeln vorsichtig, zuerst langsam, dann immer schneller, bis sie über dem See schwebte. Der Sand des Ufers wurde dadurch so stark aufgewirbelt, dass er den Mädchen tief in ihre Augen wehte, und sie von nun an nichts mehr sehen konnten. 
Vor Schmerzen schreiend rieben sie sich ihre Augen und schienen für einen Moment erblindet zu sein. So konnten sie nicht sehen wie die kleine Marie langsam sich dem Himmel näherte, um dann mit ihm ganz eins zu werden.

Am nächsten Morgen, in Mariechens Heimatort, saß Peterle in Gedanken verloren mit seiner Angel am heimischen See und schaute zu den Wolken hinauf. Da sah er, wie eine glänzende Feder vom Himmel direkt zu seinen Füßen schwebte. Er hob sie auf und dachte: „Nun ist dein Wunsch in Erfüllung gegangen. Wir sehen uns dann im Himmel wieder.“ Vorsichtig steckte er die Feder in seine Hemdtasche und fing an, bitterlich um seine kleine Freundin zu weinen. Doch kurz darauf überkam ihn eine wohlige Wärme, die schnell seine Tränen trocknen ließ. Er konnte nicht sehen, dass hinter ihm Mariechen stand und ihre Flügel schützend über seinen kleinen Körper hielt.
Die beiden bösen Mädchen aber wurden für den Rest ihres Lebens bestraft, denn jedes Mal, wenn sie einen Menschen sahen, der anders war als sie, brannten und schmerzten ihre Augen so sehr, dass sie für einen Tag und eine Nacht lang erblindeten. Und das blieb bis zum heutigen Tage so.



Ende  

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