Die kleine Elfe und ihr Freund, der Baum


Im Land der Elfen und auf dem Elfenschloß wurde schon seit vielen Tagen gefeiert, denn die Elfenkönigin hatte ihr erstes Kind geboren. Alle Elfenuntertanen eilten zum Schloß, brachten ihre Geschenke und wollten die kleine Prinzessin sehen. Die Königin hielt ihr kleines Töchterchen auf dem Arm, wiegte es sanft hin und her und zeigte es allen, die ihre Glückwünsche und Gaben überbrachten und es bewundern wollten.
Das kleine Elfenkind hatte viele blonde Löckchen und eine kleine silberne Strähne darin, deshalb entschieden sich der König und die Königin ihrer Tochter den Namen Silbersträhnchen zu geben.
Wie es im Land der Elfen so Pflicht und Sitte war, wurde für Silbersträhnchen ein kleiner Baum gepflanzt, denn die Lebensaufgabe aller Elfen war, egal ob sie von königlichem Blute oder aus einer einfachen Elfenfamilie stammten, den eigens für sie gepflanzten Baum zu hegen und zu pflegen.
Wurde ein Baum schwach oder krank, so wurde auch seine ihm zugeteilte Elfe schwach und krank. War ein Baum gesund und kräftig und lebte er auch viele hundert Jahre lang, so konnte auch seine Elfe sich über Gesundheit und über ein langes Leben freuen. Starb aber ein Baum, so starb auch mit ihm sein Wegbegleiter.
Aber im allgemeinen war es üblich, daß jeder Baum, der im Land der Elfen gepflanzt wurde, sehr, sehr alt wurde, und daher gab es auch keinen Grund zu trauern, sondern immer fröhlich zu sein.
Bis zu Silbersträhnchens sechsten Geburtstag sorgten der König und die Königin für das Wohl des kleinen Bäumchens, dann aber mußte die kleine Elfe ihre Pflichten selbst übernehmen.
Als dieser Tag gekommen war, nahm sich Silbersträhnchen ihre kleine Gießkanne, füllte sie mit frischem Wasser und flog von nun an Tag für Tag zu ihrem Bäumchen und begoß es mit dem frischem Naß. Dann legte sie sich am Fuße des noch kleinen Stammes nieder und streichelte immer wieder seine zarten Wurzeln, bis sie einschlief. Der kleine Baum fächerte im Gegenzug mit seinen jungen Ästen der Schlafenden frischen Wind zu, und seine Baumkrone bewegte sich glücklich hin und her, und wenn man genauer hinhörte, erklang eine sanfte Melodie aus seinem Wipfel.
So vergingen viele Jahre. Der Baum war inzwischen viele Meter gen Himmel gewachsen, und sein Baumkleid war schöner und prächtiger als das aller seiner anderen Baumbrüder, und auch die kleine Elfenprinzessin wurde von Jahr zu Jahr hübscher, und so mancher Elfenmann hätte gerne um ihre Hand angehalten. Aber zwischen dem nun erwachsenen Baum und der wunderschönen Elfe gab es etwas, das unzertrennlich war, und das man als ein zartes Band der Liebe bezeichnen konnte. Nichts und niemand konnte Silbersträhnchen abhalten, ihren Freund täglich zu besuchen, mit ihm zu sprechen und dafür zu sorgen, daß es ihm gut ging. Der Baum wiederum bedankte sich mit den schönsten Melodien, die je ein Elfenohr gehört hatte.
Und wieder kam der Tag, an dem sich Silbersträhnchen auf den Weg vom Schloß zu ihrem Baum machte. Dort angekommen, legte sie ihren Kopf wie schon sooft auf das saftig grüne Moos und streichelte seinen Stamm, als sie bemerkte, daß dieser leicht zitterte. Sorgenvoll und ängstlich sah sie am Baumstamm empor und sah ein blutrotes Mal, das sie zuvor noch nie gesehen hatte.

„Was ist das?“, fragte die Elfenprinzessin erschrocken und berührte vorsichtig die rote Stelle. Der Baum zitterte immer stärker, und seine Baumkrone schwankte hin und her, ohne daß auch nur ein kleines Windlüftchen wehte.
„Sag mir mein Freund, was ist geschehen?“ fragte nochmals die Prinzessin und legte ihr Ohr an seinen Stamm und lauschte aufmerksam, was der Baum zu berichten hatte.
Sein leises Rauschen verriet ihr, daß er in größter Gefahr sei, und ihm nun keiner mehr helfen könne. Dann war alles still, und sie hatte das Gefühl, als hätte sich ihr Freund von ihr für immer verabschiedet.
Weinend flog sie zum Schloß und fragte ihre Eltern, den König und die Königin, um Rat. Diese hatten zuvor noch nie von solch einem Mal gehört und waren genauso ratlos und erschüttert wie ihre Tochter.
Doch dann kam dem König die Idee, die weise Mascha zu fragen.
Mascha, eine alte, weise Eule, die schon viele hunderte von Jahren ihr Dasein hatte, lebte tief im Wald auf einem Felsenvorsprung.
Aber der Weg zu ihr dorthin war weit. Silbersträhnchen wäre drei Tage und drei Nächte unterwegs, um sie zu erreichen.
Die Prinzessin überlegte nicht lange und wollte sich sofort auf den Flug dorthin machen. Zuvor aber wollte sie noch zu ihrem Freund, dem Baum, um ihn von ihrem Vorhaben zu unterrichten und sich von ihm zu verabschieden.
Der Baum stand regungslos da, als wäre er starr vor Angst.
„In drei Tagen bin ich wieder hier“, sagte unter Tränen die Elfenprinzessin, „und dann hoffe ich zu wissen, was dir fehlt und wie ich dir helfen kann. Sei tapfer und halte durch.“
Ihre zarten Flügel schlugen schnell und heftig. Dann flog sie, ohne sich noch einmal umzusehen, in die Richtung, die sie zu der weisen Mascha führen sollte.
Der Baum bewegte seine Baumkrone langsam einmal nach links und einmal nach rechts, und das heißt in der Baumsprache: „Lebe wohl!“
Silbersträhnchen flog, ohne sich nur eine Minute Pause zu gönnen, direkt in den Wald hinein, wo der Felsen der alten Eule stand. Dort angekommen, setzte sie sich müde und erschöpft auf den Boden und rief nach der alten Mascha.

Die ließ nicht lange auf sich warten und fragte verwundert, was Silbersträhnchen in ihrem Wald verloren hätte, und warum sie nach ihr riefe.
Silbersträhnchen erzählte von ihrem Freund und von dem blutroten Mal, das er an seinem Stamm trug.  Und  während sie so erzählte, verdunkelte sich das Gesicht der weisen Masche immer mehr.
 „Mein armes Kind,“ sagte nachdenklich und leise die Eule, „an deinem Leid haben die Menschen schuld, denn sie haben entschieden, daß dein Freund gefällt werden soll. Solche Male bekomme all jene Bäume, die sie sich aussuchen, um sich aus ihnen Stühle, Schränke und Tische zu machen. Sie machen vor nichts halt und bedienen sich der Natur, als wenn sie ganz alleine hier auf Erden wären.
Du als Elfe wirst nichts mehr für deinen Freund tun können. Das ist euer beider Schicksal.“ Kaum hatte die alte Mascha diese Worte ausgesprochen, als Silbersträhnchen ein stechender Schmerz durch ihren Körper fuhr.
Der Schmerz war so groß, daß sie das Gefühl hatte, ein Dolchstoß mitten in ihr Elfenherz zu bekommen. Dann fiel sie in eine tiefe Ohnmacht.
Die weise Mascha wußte dies sofort zu deuten und war sich gewiß, daß die Todesstunde ihres Freundes gekommen war. Eiligst nahm sie den reglosen Körper der Prinzessin auf und legte ihn auf einen ihrer Flügel. Dann flog sie mit gewaltigen und großen Flügelschlägen aus ihrem Wald heraus, den fast leblosen Körper der kleinen Elfe fest an ihren Körper gepreßt, in Richtung Elfenland, um ihn am Baumstamm ihres Freundes abzulegen.
Als sie dort angekommen war, hatten die Menschen ihr schändliches Werk verrichtet. Von Silbersträhnchens Freund war nur noch der Baumstumpf zu sehen.

Die Flügelschläge der weisen Masche wurden immer sanfter, und leise glitt sie zur Erde herunter, dann legte sie den immer noch bewußtlosen Körper auf das saftig grüne Moos. Danach machte sie sich mit den Worten: „ Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt,“ auf den Heimflug, denn auch mit all ihrem Wissen konnte sie der Elfenprinzessin nicht helfen.
Die Abendsonne stand blutrot am Himmel, und der Wind sang leise sein trauriges Lied, als Silbersträhnchen langsam aber immer noch von Schmerzen geschwächt aus ihrer Ohnmacht erwachte.
Als sie all das Leid sah, das die Menschen ihrem Freund angetan hatten, brach sie in Tränen aus. Sie weinte viele tausend Tränen, die alle ins Erdreich eindrangen. Dann schlief sie, tief von Trauer erfüllt, noch einmal ein.
Die Nacht bedeckte die beiden Freunde und legte schützend ihre Hände über sie.
Und genau in dieser Nacht geschah das Wunder. Der abgeschlagene Baum wollte nicht sterben. Er wollte für seine kleine Elfe leben, damit auch sie weiterleben konnte. Deshalb sammelte er in seinen Wurzeln, die tief unten in der Erde verborgen waren, alle seine Kräfte und die vielen Tränen der Prinzessin zusammen und bildete damit einen neuen Trieb. Diesen schob er zaghaft aus dem Erdreich, so daß der zarte Stamm und die feinen Äste sich unter freiem Himmel ausbreiten konnten.
Eine kleine, feine Melodie weckte Silbersträhnchen und es kam ihr vor, als wenn alle Himmelsschlüsselchen die auf der Wiese blühten ihr ein Ständchen brachten.
Als sie sich die restlichen getrockneten Tränen vom Vortag aus ihren Augen rieb, sah sie, wie sich aus dem Boden, wo der Baumstumpf stand, ein kleines Bäumchen erstreckte.
„Ein Wunder, du lebst,“ rief Silbersträhnchen und flatterte aufgeregt um die kleine Pflanze herum. Und immer wieder rief sie:“ Du lebst, du lebst.“
Der kleine Baumsproß wand sich freudig im Wind hin und her und streckte sein junges Stämmchen kraftvoll in Richtung Sonne. Dann stimmte er mit allen anderen Pflanzen, ob groß ob klein, ein kleines Liedchen an:

„Der Mensch kann nicht alles zerstören,
denn dazu ist er zu klein.
Wenn wir alle zusammenhalten,
wird die Natur, wie vorgesehen, immer das Schönste sein.“

Drum wenn auch du ein Pflänzchen siehst, mag es groß sein oder klein, mag es grob sein oder fein, brich es nicht sinnlos, erfreue dich dran, lass alles Schöne, das dich umgibt, in dein Herz hinein.


Ende

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