Die Geschichte von Bienchen und Floh

 

Leise rieselten die Schneeflocken vom Himmel herab. Das ganze Land war in ein weißes Kleid gehüllt. Draußen spielten einige Kinder eine Schneeballschlacht, andere waren mit dem Bau ihres Schneemannes beschäftigt.
Nur Sabine und Florian, die ihre Eltern liebevoll Bienchen und Floh nannten, saßen hinter ihrem Wohnzimmerfenster und drückten ihre kleinen Nässchen an den mit Eisblumen verzierten Scheiben platt.


Bienchen und Floh waren besondere Kinder. Sie waren kleiner, zierlicher und zerbrechlicher als die anderen, deshalb nannte man sie auch die Zwergenkinder.
Wehmütig schauten sie dem Treiben auf der Straße zu, denn keines der anderen Kinder wollte mit ihnen spielen. Wenn Vater und Mutter mit ihnen unterwegs waren, schauten die Erwachsenen sie von oben herab mitleidig an, und oft kam es vor, dass ein kleiner Naseweis ihnen die Zunge herausstreckte und rief: „Winzlinge, Zwerge...“.
Darüber waren sie sehr traurig, aber sie hatten ja sich beide und konnten sich auch gut ohne weitere Spielkameraden beschäftigen.
So vergingen Tag für Tag, Monat für Monat, und der langersehnte Sommer hatte seinen Einzug gehalten. Die Wiesen waren saftig grün, die Bäume hatten ihr schönstes Laubkleid übergestreift, und viele bunte Blumen schmückten den Wegesrand. Täglich waren die Geschwister unterwegs, erfreuten sich an den warmen Sonnenstrahlen und wanderten händehaltend durch Wald und Flur. Dabei pflückten sie für ihre Eltern immer einen frischen Blumenstrauß oder sammelten saftige Beeren.


Doch eines frühen Abends wurde diese herrliche Idylle jäh unterbrochen.

„Es brennt, es brennt, eilt schnell herbei,
mit Eimern voll Wasser, einen, zwei oder drei.
Die Mühle hell in Flammen steht,
kommt alle herbei, so schnell es geht“.

Schwarzer, bedrohlicher Rauch lag über dem kleinen Dorf.
Bienchen und Floh, schon im Nachthemd und Schlafanzug, schauten abermals aus dem Fenster und sahen, wie die Menschen hastig und aufgeregt mit wassergefüllten Kannen und Eimern in Richtung zu der alten Mühle eilten.
„Ihr geht brav zu Bett“, sagten die Eltern ermahnend zu Bienchen und Floh und machten sich auch auf den Weg, um den anderen Dorfbewohnern beim Löschen behilflich zu sein.
Emsig wie Ameisen liefen dort alle hin und her. Die einen versuchten den Brand mit Wasser unter Kontrolle zu halten, andere versuchten ihr Glück mit Sand und einige hatten Decken dabei und wollten damit dem Feuer zu Leibe rücken.
Ein altes Mütterchen, in sich weinend zusammengekauert, klagte:

„Oh welch ein Weh, oh welch ein Jammer,
mein kleines Kätzchen ist noch in der Mühle, oben in der Kammer.
Kann nicht heraus, weil alle Türen klemmen,
muss nun in den Flammen jämmerlich verbrennen“.

Als dies die Menschen hörten, versuchten sie in die Mühle einzudringen, aber alle Mühe war vergebens. Die große Eichentür ließ sich nicht öffnen, und die Fenster, in denen man zur Not einsteigen konnte, waren viel zu hoch, und keiner hatte  eine Leiter. Nur eine kleine Fensterluke, die wohl einstmals als Luftabzug gedacht und eingebaut wurde, war in erreichbarer Nähe.

Aber alle Helfenden, auch die Kinder des Dorfes, waren zu groß oder zu dick für diesen winzigen Einstieg.
„Was können wir nur machen“, fragten sich alle „wir müssen das Kätzchen aus der Mühle retten. Wir dürfen es doch dort nicht jämmerlich verenden lassen“.
„Eine Frau rief aufgeregt: „Die Zwergenkinder, die Zwergenkinder könnten in das Fenster einsteigen. Sie sind klein und behende“.
Bienchens und Flohs Eltern sahen sich kurz an und riefen den Nachbarn zu: „Wir werden unsere Kinder holen, habt bitte einen Moment Geduld“.
Dann liefen sie so schnell sie konnten zu ihrem Haus und weckten Bienchen und Floh, die schon fest in ihren Betten geschlafen hatten.
„Aufgewacht ihr beide, flink und schnell, wir brauchen dringend eure Hilfe“, sagten Vater und Mutter aufgebracht zu den Kleinen, die noch im Halbschlaf waren und nicht so recht kapieren konnten, was eigentlich um sie herum vorging.
Noch während der Vater seinem Sohn den Morgenmantel überzog und die Mutter dem Bienchen ihr Nachthemdchen geradezupfte, erzählten sie von der brennenden Mühle, dem schwarzen Rauch und vor allem von dem dort eingeschlossenen Kätzchen, das dringend Hilfe benötigte.
„Wir werden gebraucht?“ fragten beide ungläubig und sahen die Eltern mit großen, fragenden Augen an. „Ja doch, bitte schnell, denkt an das arme Tier. Nur einer von euch beiden kann durch das kleine Fenster und versuchen, das Kätzchen zu retten“.
Schnell rannte die ganze Familie wieder zur brennenden Mühle zurück.
Unterdessen hatten ihre Nachbarn in der Zwischenzeit nicht viel erreicht. Zwar hatte man das Feuer etwas unter Kontrolle, aber der zähe Qualm biss allen Anwesenden so sehr in den Augen, dass sie tränten, und sie mussten alle furchtbar husten.

An der besagten Luke angekommen, handelten Bienchen und Floh blitzschnell. Floh machte einen Buckel, und Bienchen hüpfte auf seinen Rücken so, wie sie es immer in ihren Spielen getan hatte.
Dann hangelte sie sich an dem kleinen Fenster hoch, stieg hinein und war für einige Zeit verschwunden.
Draußen standen die Menschen und hielten vor Spannung den Atem an. Nach einer fast endlosen Zeit tauchte dann Bienchen rußverschmiert wieder am Fenster auf. Erleichterung und Freude brach unter den Leuten aus, und als man sah, dass sie das Kätzchen auf dem Arm hielt, jubelten ihr alle zu.

„Ein Hoch, dem Bienchen und dem Floh, das Kätzchen lebt, wie sind wir froh. Ohne die Hilfe von euch beiden, würde das Mütterchen jetzt sehr viel leiden. Kann nun wieder ihren Kater in die Arme nehmen, vorbei sind Sorge, Angst und Tränen“.
Mit einem kecken Sprung, das verängstigte Kätzchen fest an ihrer Brust gedrückt, hüpfte Bienchen wieder auf den Rücken ihres Bruders und dann auf das weiche Moos.

Beide übergaben stolz dem zitternden Mütterchen ihr kleines Haustier.
„Danke, meine lieben Kinder“, sagte die Alte, „danke für eure tapfere Hilfe. Der liebe Gott möge euch eure gute Tat belohnen“.
Von jenem Tage an waren die kleinen Geschwister so sehr beliebt unter den Dorfbewohnern und den Kindern, dass sie keiner mehr verhöhnte und verspottete. Sie wurden zum Spielen eingeladen, durften auf keiner der Kindergeburtstagsfeiern fehlen und führten von nun an ein anderes Leben als zuvor. Und wenn ihnen einmal alles zuviel des Guten wurde, zogen sie sich für eine Weile zurück und taten das, was sie früher immer unternahmen. Dann machten sie lange Spaziergänge, pflückten für die Eltern einen Blumenstrauß, sammelten Beeren und neckten sich beide untereinander. Und das konnten sie gut, denn sie waren ja Brüderchen und Schwesterchen.



Ende

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