Die Geschichte vom Frenzel, Zita und dem Einhorn


Tief im Wald lebte einst ein kleiner Elfenjunge mit Namen Frenzel. Er sammelte alles zusammen, was er nur finden konnte und schmückte damit seine Wohnung, in einer alten Baumhöhle aus. Tannenzapfen, Blätter in allen Farben, wunderschöne Pilze, große und kleine Steine, ja sogar Äste von den verschiedensten Bäumen nannte er sein Eigen. Er hütete seine kostbaren Schätze wie ein Heiligtum. Und wann immer es seine Zeit erlaubte, schaute er sich seine Kostbarkeiten an und rief dann erfreut: „Meine, meine, alles meins.“
Er verschloss sein Heim immer sorgfältig, wenn er es verließ. Dazu benötigte er seinen goldenen Zauberdaumen, denn alles, was er mit ihm berührte, schloss sich für immer zusammen.

Kein anderes Lebewesen im Wald konnte seine Wohnung öffnen und sich somit einen Zugang verschaffen. Wenn er nach stundenlangen Suchen im Wald nach weiteren Reichtümern heimkam, nahm er eine feuerrote Feder aus seiner Hosentasche, kitzelte so lange sein Nässchen, bis er anfangen musste zu niesen. Und schon beim ersten „Hatschi“ öffnete sich die von ihm verschlossene Tür, und er konnte sein Reich betreten. Auch dieses kleine Wunder war aber nur ihm vorbehalten, denn ein anderes Tier wäre dazu nicht in der Lage gewesen.
Es war am frühen Abend, als Frenzel sich für die Nacht zurecht machte, da klopfte es an seiner Tür. 
Als er sie öffnete, stand seine alte Freundin Zita, das Eichhörnchen vor ihm. „Was willst du so spät?“ fragte Frenzel gähnend.
„Ich habe etwas merkwürdiges gefunden, das musst du dir ansehen,“ rief Zita aufgeregt.
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“ fragte der Elf verwundert.
„Nein,“ sagte Zita kopfschüttelnd: „Es hat keine Zeit. Beeile dich, bevor es jemand anderes findet.“
Der kleine Elf, doch schon etwas neugierig geworden, streifte sich seine Hose über, nahm seine kleine Laterne in die Hand, verschloss seine Wohnungstür und machte sich mit Zita auf den Weg. 
Schon von weitem sahen die beiden etwas zwischen den Bäumen leuchten, und als sie direkt davor standen, verschlug es ihnen die Sprache.
„Was ist das?“ murmelte Frenzel nachdenklich, „woher kommt das? So etwas habe ich noch nie gesehen.“
„Vielleicht ist es ja vom Himmel gefallen,“ erwiderte Zita.
„Das glaube ich nicht,“ sagte Frenzel, „es sieht eher aus wie ein Ast von einem Baum, ist aber nicht aus Holz, es könnte auch ein Stein sein, ist aber durchsichtig wie ein Diamant und funkelt wie das gesamte Sternenzelt,“ stellte er fest und runzelte die Stirn.
„Lass uns nicht lange überlegen“, sagte nun endlich Zita, „tragen wir es in deine Wohnung, bevor die Nacht über uns hereinbricht. Dort ist es am sichersten aufgehoben.“
Als sie ihre schwere Last nun endlich nach einem langwierigen Rückweg in Frenzels Wohnung abgelegt hatten, erstrahlte diese in einem hellen Licht, obwohl es draußen schon finster war.
Beide versprachen, mit niemanden über ihren Fund zu reden. Dann verabschiedete sich das Eichhörnchen und machte sich eiligst auf den Heimweg.
Kaum war Frenzel alleine mit dem geheimnisvollen Gegenstand, klatschte er vor Freude in die Hände und rief überglücklich über seine neue Errungenschaft: „Oh wie schön, nun kann ich alle meine Schmuckstücke auch bei Nacht betrachten. Meine, meine, alles meins.“
An nächsten Morgen, Frenzel lag noch tiefschlafend in seinem Bettchen, klopfte es abermals an seiner Tür.
„Wach auf, schnell wach auf,“ hörte er Zita rufen. „Wir müssen uns sputen. Ich habe etwas gefunden, das musst du gesehen haben.“
Der kleine Elf öffnete die Tür, da zupfte Zita schon an seinem Hemdchen. „Schnell, folge mir,“ rief das Eichhörnchen und hüpfte dabei von einem Bein auf das andere.
„Was ist denn so wichtig,“ fragte der noch ganz verschlafen, folgte aber dem Rat seiner kleinen Freundin und verschloss mit seinem Zauberdaumen hinter sich die Tür.
Zita zog mit aller Kraft, die sie besaß, den Frenzel an seinem Hemdzipfel hinter sich her, bis an die besagte Stelle im Wald, einer kleinen Lichtung, wo sie ihre neue Entdeckung gemacht hatte.
„Da, schau her, wer hier liegt, ist das nicht ein Hirsch? Aber einen weißen Hirsch habe ich noch nie gesehen!“ Zita zeigte, völlig außer sich vor Aufregung, auf das zusammengekauerte und verängstigte Tier.
Frenzel, der neben seiner Zauberkräfte auch noch weise und klug war, kniete sich neben den geschwächten Körper des Tieres und sprach leise: „Du wirst es nicht glauben, aber vor uns liegt ein kleines, verletztes Einhorn. Diese wunderbaren Geschöpfe Gottes sind schon seit Hunderten vor Jahren ausgestorben, aber man erzählt sich, dass man hin und wieder mal eines gesehen hat. Ich hielt das immer für ein Märchen der Menschen, aber nun sehe ich mit eigenen Augen, dass an den Erzählungen etwas wahres ist. Nie hätte ich gedacht, in meinem Leben einmal einem Einhorn zu begegnen.“ 

Frenzel war von dem Zauber, der von diesem Wesen ausging, so beeindruckt, dass auch er sich erst einmal beruhigen musste, um den Ernst der Lage zu erkennen.
Zaghaft und behutsam sprach der kleine Elf auf das Einhorn ein: „Mein Name ist Frenzel und neben mir, das ist meine Freundin Zita. Wer bist du? Wie heißt du, und was ist geschehen? Warum liegst du hier so einsam und allein im Wald? Können wir dir helfen?“
Das kleine Einhorn öffnete seine traurigen Augen und sprach mit zitternder Stimme: „Ich heiße Samantha und habe mein Horn verloren. Vor lauter Lebensfreude bin ich unbesonnen durch euren Wald gelaufen und habe dabei nicht auf die vielen Bäume geachtet. Dann ist das Unglück geschehen. Ich habe einen Baum gestreift und bin gestürzt. Die ganze Nacht habe ich nach meinem Horn gesucht, aber ich habe es nicht gefunden. Nun bin ich so sehr geschwächt, dass ich wohl sterben werde, wenn es sich nicht auffinden lässt.“
Frenzel und die kleine Zita sahen sich zuerst verwundert an, dann aber erinnerten sie sich an ihren Fund des vergangenen Abends.
Sie fragten das Einhorn: „Ist dein Horn nicht aus Holz und ähnelt es doch einem Ast? Ähnelt es einem Stein und ist doch durchsichtig wie ein Diamant und funkelt wie das Sternenzelt?“
„Ja, so ist es,“ hauchte das geschwächte Tier, „wenn ihr mir helfen könnt, bitte beeilt euch, denn es bleibt mir nicht mehr viel Zeit.“ 
„Halte durch, Samantha, halte durch!“ riefen Frenzel und Zita. „Wir werden so schnell sein wie der Wind, denn wir wissen wo dein Horn verblieben ist. Es befindet sich in Sicherheit. Wir holen es für dich, und dann wird alles wieder gut.“
Zita machte ihre höchsten und weitesten Sprünge, die sie je in ihrem Leben getan hatte, während der kleine Elf sich von seinen Flügeln tragen ließ.
Als sie ihr Ziel erreicht hatten, waren beide so außer Atem, dass sie keine Kräfte mehr hatten. Zu allem Unglück aber musste Frenzel feststellen, dass er seine feuerrote Feder vor Aufregung und in der Eile verloren hatte.
„Oh weh, oh weh, wie kommen wir nur in meine Wohnung herein?“ fragte Frenzel. Wenn ich mich nicht kitzeln kann, kann ich auch nicht niesen. Und wenn ich nicht niesen kann, öffnet sich auch nicht meine Tür?“
Aber Zita hatte eine gute Idee. Sie sagte: „Du Dummerchen, halte mir dein Nässchen hin, und ich werde es mit meinem buschigen Schwänzchen tüchtig kitzeln.“
Gesagt, getan, es dauerte nicht lange, da musste Frenzel so laut niesen, dass alle anderen Tiere im Wald aufschreckten und neugierig zum alten Baum eilten, in dem Frenzel seine Wohnung hatte.
„Was ist passiert?“ riefen die herbeigeeilten Waldtiere. Die beiden Freunde erzählten von Samantha und ihrem Unglück. Und alle anderen, die Rehe, die kleinen Häschen, selbst eine Igelfamilie und viele Vögel erklärten sich bereit mit anzufassen, um das Horn schnellstmöglichst an die Stelle zu bringen, an der das schwer verletzte Einhorn lag. Mit vereinten Kräften machten sie sich auf den Weg. 
Das Einhorn gab kaum noch ein Lebenszeichen von sich, und da wurde es allen klar, dass keine Zeit mehr zu verlieren war.
Schnell drückte Frenzel seinen goldenen Zauberdaumen an die Stelle, an der das Horn abgebrochen war und fügte es wieder zusammen. Dann standen alle schweigsam und regungslos um Samantha herum und warteten darauf, dass sie ihre Augen öffnete.
Und das Wunder geschah. Zuerst erhob sich das Einhorn langsam und vorsichtig, dann bäumte es sich auf und schüttelte seine silberne Mähne im Wind, dass die vielen kleinen staunenden Helfer glaubten, eine sanfte Melodie zu hören.
„Ich danke euch,“ sagte Samantha, „Ihr habt mir mein Horn gebracht und somit mein Leben gerettet. Nie werde ich eure selbstlose Hilfe vergessen und immer dafür in eurer Schuld stehen. Ihr braucht euch nun nicht mehr um mich zu sorgen, mir geht es gut. Geht nun alle wieder heim, dort erwartet euch eine Überraschung.“
Bevor sich Samantha wieder auf ihren Weg machte, drehte sie sich noch einmal um und schaute lange, lächelnd zu Frenzel und Zita. Den beiden wurde ganz warm ums Herz und sie wussten, dass sie von nun an einen neuen Freund hatten.
Dann war das Einhorn, ohne dass es jemand bemerkt hatte, wie von Geisterhand verschwunden.
Die vielen kleinen Helfer machten sich alle wieder auf ihren Heimweg. Nur Frenzel und Zita ließen sich Zeit und machten noch einen Spaziergang durch den Wald, um noch einmal über ihr Erlebnis mit dem Einhorn zu sprechen.
„Schade, dass ich nun nicht mehr in meiner Wohnung über solch ein helles Licht verfüge, dass mir das Horn gespendet hat,“ sagte Frenzel und ließ aus Enttäuschung darüber ein wenig seine kleinen Schultern hängen.
„Mach dir nichts daraus,“ tröstete ihn Zita, „sieh nur, dafür brauchst du nicht wie ich tagelang immer auf der Suche nach leckeren Nüsschen sein. Man kann eben nicht alles haben, was man sich wünscht. Erfreuen wir uns lieber daran, dass wir eine gute Tat vollbracht haben und Samantha das Leben retten konnten. Und damit du nicht all zu traurig bist, schenke ich dir eine Kleinigkeit,“ sagte sie geheimnisvoll und überreichte ihm seine feuerrote Feder.
„Wo hast du die her,“ fragte Frenzel erfreut und hatte seinen Kummer über das verlorene Licht fast schon wieder vergessen.
„Die habe ich gefunden, pass gut auf sie auf, damit du sie nicht wieder verlierst,“ lachte Zita und meinte fröhlich: „Komm, lass uns nach Hause gehen.“ 
Die vielen anderen Helfer, die ihr Heim zwischenzeitlich erreicht hatten, konnten sich über ihr Geschenk von Samantha schon erfreuen. So wurden die Häschen mit einen großen Korb voller leckeren Möhrchen, die Igelfamilie mit einer Schale sahniger Milch, und die Rehe  mit einer Lichtung voller köstlichen Gräsern und saftigem Löwenzahn belohnt. Selbst die gefiederten Freunde hat Samantha nicht vergessen. Für sie hatte das Einhorn eine bestimmte Stelle im Wald ausgesucht, die reichlich mit köstlichen Würmern und Käfern bestückt war.
Aber die größte Überraschung wartete auf Frenzel und Zita.
Zita bekam ein Zaubersäckchen, gefüllt mit drei der feinsten Nüsschen. Und jedes Mal, wenn sich das Eichhörnchen eines herausnahm, um es zu genießen, füllte sich das Säckchen wie von Zauberhand wieder auf. So leerte es sich nie und Zita brauchte nie wieder auf die mühsame Suche nach ihnen zu gehen.
Frenzel fand vor seiner Eingangstür einen wunderschönen, geheimnisvollen Stein. Als er ihn aufhob und mit ihm seine Wohnung betrat, erhellte sie sich so sehr, als würde die Sonne direkt in seinen Baum hineinscheinen.


Staunend und völlig außer sich vor Freude,  schlug er die Hände über seinen Kopf zusammen, fing an zu tanzen und rief: „Oh wie herrlich, nun kann ich jederzeit meine gesammelten Schätze betrachten, wenn mir danach ist. Oh wie wunderbar, oh wie schön. Meine, meine, alles meins.“


Ende

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