Des Königs Töchter

 

Es war einmal ein alter König, der hatte drei Töchter. Sie waren sehr hübsch, hatten aber, jede für sich, ihren eigenen Charakter. Die Älteste hatte pechschwarzes Haar, hieß Prinzessin Abendstern und war sehr von sich eingenommen. Sie trug nur die allerschönsten Kleider und bildete sich ein, die schönste der dreien zu sein.

Die Zweitälteste hatte feuerrotes Haar, hieß Prinzessin Morgenrot und war nicht gerade die schlauste. Sie glaubte alles, was man ihr sagte und stellte sich in vielen Dingen so dumm und unbeholfen an, daß man schon im ganzen Schloß hinter ihrem Rücken lachte. Die Jüngste von den dreien trug den Namen Prinzessin Sonnenschein, und genauso wie ihr Name war auch ihr Wesen. Sie war nicht nur liebenswert, sondern auch geschickt  in allem, was sie tat, und jeder im Schloß bewunderte ihre liebliche Schönheit.
Es kam der Tag, an dem der König seine Töchter zu sich rief und sprach: „Meine lieben Kinder. Die Zeit ist gekommen, an der sich nun eine jede von euch einen Gemahl suchen sollte. Meine Zeit dauert nicht ewig, und ich möchte euch drei in guten Händen wissen. Deshalb gebe ich im Lande bekannt, daß jeder Jüngling im heiratsfähigen Alter auf mein Schloß kommen soll, um um eure Hand anzuhalten.“
Gesagt, getan. Der König ließ alle seine Boten ins Land ziehen, um diese Botschaft zu verkünden. Er selbst gab seinen Bediensteten den Befehl, das Schloß mit vielen Tausenden von Blumen zu schmücken und den königlichen Ballsaal herzurichten, um die Brautwerber gebührend zu empfangen.
Die Prinzessinnen  Abendstern, Morgenrot und Sonnenschein waren schon sehr aufgeregt. Sie kleideten sich alle drei in Samt und Seide, und der Hoffriseur hatte alle Hände voll zu tun, um das Haar der dreien zu kämmen und zu bürsten, bis es im Sonnenlicht glänzte.
Als sich alle drei in ihren königlichen Gewändern und mit Gold und Juwelen geschmückt in den Spiegeln betrachteten, waren sie mit sich und ihrem Aussehen sehr zufrieden und konnten nun die Prinzen, die um ihre Hand anhalten würden, erwartungsvoll begutachten.

Im Ballsaal spielte die Musik auf, und der König nahm auf seinem Thron Platz. Seine drei Töchter saßen neben ihm und schauten gespannt in die tanzende Menge. Alle waren geladen, ob Baron, Fürst oder Prinz. Hauptsache sie waren im heiratsfähigen Alter und waren in der Lage, seine Töchter glücklich zu machen.
Viele waren gekommen, und jeder einzelne warb um die Gunst der Schwestern, aber keine der drei konnte sich auch nur für einen entscheiden. Der Prinzessin Abendstern waren die Bewerber alle zu häßlich oder zu ärmlich gekleidet, der Prinzessin Morgenrot waren sie zu intelligent oder zu gewitzt und unserer jüngsten Prinzessin fehlte die Herzlichkeit und das Gefühl der Liebe im Herzen, auf das sie so gehofft und gewartet hatte.
Der Ball näherte sich schon fast dem Ende zu, als der König ungeduldig und etwas zornig feststellte, daß keiner der Freier auch nur eines der Herzen seiner Töchter erobert hatte.
Kurz vor Mitternacht flüsterte der Hofnarr seinem König in die Ohren: „Eure Hoheit, draußen stehen noch einmal drei Bewerber, die um die Hand der Prinzessinnen anhalten möchten. Es sind gar lustige Burschen, nicht von hohem Adel, aber vielleicht können die euren Herzenswunsch erfüllen und wenigstens einer eurer Töchter das Herz verzaubern.“ „Mögen sie eingelassen werden,“ grollte der König, „zu verlieren haben wir dabei nichts.“
Als der Hofnarr mit krächzender Stimme rief: „Aufgepaßt, hier kommt Bewerber  Nummer 151,“  wurde er schon zur Seite geschubst und ein hagerer Bursche mit hochgezogener Nase, über seinem Arm ein Stoff, der aus purem Gold geflochten schien, betrat stolz den Saal.
„Wer bist du,“ fragte der König, „und was bietest du deinem Volk?“ „Mein Volk, edler Herr König, ist mit den schönsten Kleidern aus den feinsten Stoffen ausstaffiert. Alle meine Untertanen sehen aus wie Fürsten, ja sogar Könige unterwerfen sich meiner Gunst,“ entgegnete dieser arrogant und hochnäsig. Das er, der Schneider, von seiner Schneiderwerkstatt und seinen Kunden, die sich bei ihm die Kleider und Hosen schneidern ließen, sprach, verheimlichte er dem König tunlichst, denn er glaubte fest daran, daß er ein Recht auf eine Einheirat in die königliche Familie hatte.

Prinzessin Abendstern, die mit großen Augen und stockendem Atem dem hageren Kerl zugehört und ihn beobachtet hatte, machte sich sofort daran, den Schneider zu umgarnen. „Kannst du dafür sorgen, mir jeden Tag ein neues Kleid herbeizuschaffen, aus Stoffen fein wie Spinngeweben und glänzend wie mein schönes schwarzes Haar?“ fragte sie. „Für mich ist das kein Problem,“ entgegnete der Schneider, „warum verlangst du nicht zwei oder drei? Als meine Frau sollst du die schönste der Welt, mit den allerherrlichsten Kleidern sein.“
Das reichte der arroganten und eingebildeten Prinzessin, daß sie sofort zum König lief und ihm zuzischte: „Den, und nur den nehme ich zum Gemahl.“ „Deine Wahl muß und werde ich akzeptieren,“ sprach der König, konnte aber ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend nicht unterdrücken.
Auf Wunsch der Prinzessin, die befürchtete, der Brautwerber könnte sich eines Besseren besinnen und eine andere ihrer beiden Schwestern zur Braut erwählen, wurde die Vermählung vom König sofort vorgenommen. Erst dann war sie zufrieden und setzte sich mit ihrem neuangetrauten Gemahl neben des Königs Thron zu Prinzessin Morgenrot und Sonnenschein.
„Bewerber Nummer 152“ krächzte da schon wieder der Hofnarr. Ein kleiner rundlicher Bursche mit einer wunderschönen Schafsfellweste betrat gemächlich und bedächtig den Ballsaal.
„Wer bist du, und was bietest du deinem Volk?“ fragte der König, und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
„Mein Volk hat die schönsten und wärmsten Mäntel, Westen und Jacken,“ entgegnete dieser. Er verheimlichte aber dem König, daß er ein Schäfer ist und er mit seinem Volk die Schafherde meinte, die er Tag für Tag auf einer grünen Wiese weiden ließ. „Wenn ich meinen Stock erhebe und ich auf meinen zwei Fingern pfeife, müßtet ihr mal sehen, wie sie gehorchen und meine Befehle sofort ausführen. Ja, Gehorsam ist das einzige, was ich verlange, dafür brauchen sie im Winter nie zu frieren und werden auch mit täglich frischen Mahlzeiten von mir versorgt.“

Prinzessin Morgenrot aber, die es leid war, immer als Dummchen abgestempelt zu werden und auch gerne mal kommandieren wollte, hatte dem kleinen Mann aufmerksam zugehört. Ja, schöne Wollmäntel und Wolljacken hätte sie selbst zu gerne in ihrem Schrank, aber Macht über ein Volk, das wäre ihre größte Leidenschaft. So fragte sie ihn: „Darf ich auch über dein Volk herrschen und ihm Gehorsam abverlangen, und kann ich meinen Kleiderschrank mit vielen schönen Wollsachen füllen?“ „Selbstverständlich,“ antwortete er etwas schüchtern und verlegen, „jeder einzelne wird dir gehorchen und was die Wollkleidung angeht, mach dir keine Sorgen, deinen Schrank wirst du damit nie füllen können, so reichlich und üppig ist von allem vorhanden.“
„Vater, ach Vater, ich kann über ein Volk herrschen. Diesen und nur diesen Burschen möchte ich den meinen nennen,“ jubelte Prinzessin Morgenrot.
Wieder mit einem Druck in seiner Magengegend willigte der König ein, und auf Wunsch der Prinzessin wurde auch diese Ehe am selben Abend für gültig erklärt.
Beide Schwestern waren so stolz auf ihre Wahl und so sehr mit ihren klugen Entscheidungen und frisch angetrauten Ehemännern beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, daß die kleine Prinzessin Sonnenschein traurig und mit kleinen Tränchen in den Augen ganz still und allein in ihrer Ecke saß. Der König schaute auf sie herab und sagte mit tröstenden Worten: 
„Sei nicht traurig Sonnenschein, vielleicht kommt ja auch eines Tage für dich der richtige Mann.“ Er streichelte sanft über ihr goldenes Haar und sah in Richtung Hofnarr.
„Bewerber Nummer 153,“ schrie dieser ganz heiser, bevor seine Stimme nun endgültig versagte.
Ein stattlicher Jüngling mit zerrissenen Kleidern und geflicktem Schuhwerk trat vor dem König. Er trug auf seinem rechten Arm einen Vogel, der direkt aus dem Paradies zu sein schien, und dessen Gefieder in solch einer Farbenpracht leuchtete, daß selbst der Regenbogen  neben ihm verblassen könnte. In seinen Augen war ein Leuchten, das das Herz der kleinen Prinzessin sofort höher schlagen ließ.

Auch ihn fragte der König: „Wer bist du, und was bietest du deinem Volk?“
„Ich bin ein Mensch, der sich an der Natur und an den Tieren erfreut. Ich bin aber kein Gärtner oder Jäger, kein Aufschneider oder Dummkopf, sondern ein Mensch, der die Liebe zu schätzen weiß. Mein Volk ist ein freies Volk. Es kann selbst entscheiden was es braucht. Braucht es aber die Wärme, so soll es meine Wärme bekommen, braucht es Liebe, so soll es meine Liebe bekommen und braucht es Hilfe, so soll es meine Hilfe bekommen,“ antwortete er, und jedes Wort aus seinem Mund erklang wie eine schöne Melodie. Seine Augen blitzten wie zwei Sterne als er die schöne Prinzessin Sonnenschein erblickte. Er ging auf den König zu und bat um die Hand seiner jüngsten Tochter. Die Frage, ob sie einwilligen würde, erübrigte sich, denn Sonnenschein nahm des Prinzen Hand und schaute ihm tief in die Augen. „Das ist der Moment, auf den ich so lange gewartet habe,“ hauchte sie. „Mit dir möchte ich bis an das Ende der Welt gehen, egal wer du bist oder was du bist. Ich brauche keine schönen Kleider, ich brauche auch keine Macht, ich möchte nur deine Liebe.“
Dieses mal hatte der alte König keinen flauen Magen, als er die beiden vermählte, ja, er hatte sogar ein Gefühl des Glücks in sich.
Am nächsten Tag führte der Schneider seine eitle und eingebildete Frau heim in sein Haus mit der dazugehörigen Schneiderwerkstatt. Diese erschrak, als sie bemerkte, daß sie durch ihre Eitelkeit einen Schneider auf den Leim gegangen ist, aber durch die Tatsache, daß sie jeden Tag ein neues Kleid bekam und sich dann stundenlang selbst vor dem Spiegel bewundern konnte, ließ sie ihren Schmerz darüber schnell vergessen.
Auch Prinzessin Morgenrot war nicht erfreut darüber, daß sie nun die Frau eines Schäfers ist. Aber es machte ihr soviel Spaß die Schafe herumzukommandieren und durch die Finger zu pfeifen, daß sie darüber ihre wahre Herkunft schnell vergaß.
Der Jüngling aber, mit dem farbenprächtigen Paradiesvogel, setzte seine Prinzessin auf einen weißen Schimmel und geleitete sie in sein Reich. Dort angekommen, stand Prinzessin Sonnenschein vor einem mächtigem Schloß, viel größer, als das des Vaters und tausendmal schöner. Ihr Gatte war der Sohn des mächtigsten Königs auf Erden. Dem König der Welten.



Ende



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