Der kranke Friedolin

 

Es war ein kleines Königreich, über das der alte König Simsebart herrschte. Sein Hofstaat bestand aus seinen drei persönlich königlichen Hofdienern und einem Bauern mit seinen kleinen Tieren, die ihm alle ans Herz gewachsen waren. Deshalb wurden die Hühner, Schafe und Ziegen, die Pferde und die kleinen Schweinchen auch nicht geschlachtet, sondern nur zur Nutzhaltung gehalten, denn des Königs Lieblingsspeisen waren Kuchen, der mit vielen frischen Eiern gebacken werden mußte, Eierpfannkuchen, Spiegeleier und gekochte Eier, ein großes Glas Milch und eine noch größere Portion Ziegen- oder Schafskäse.
Alle diese guten Speisen mußten jeden Morgen auf dem Frühstückstisch des Königs stehen, denn wenn der alte Simsebart erwachte, war sein Appetit groß
und er duldete auch nicht, daß nur eine seiner Lieblingsspeisen fehlte.
Alle waren recht zufrieden und freuten sich über ihre täglichen Arbeiten, die ein jeder, ob Mensch oder Tier, zu verrichten hatte. 
Nur einer zog eine finstere Mine und war böse mit sich und seiner Umwelt. Es war der königliche Hofhahn Friedolin.
Er grummelte immer wieder vor sich hin: „Eine Schande ist das, jeden Morgen wenn die Sonne aufgeht bin ich der erste der aufstehen muß. Ich muß all diese Nichtsnutze, die dummen Hühner, die Ziegen, Schafe, Pferde und diese schmutzigen Schweine wecken mit meiner schönen Stimme, als wenn ich ein Wecker wäre. Können die nicht von allein wach werden“?
Mit stolzen und großen Schritten schritt er vom Zaun zum Misthaufen und wieder zurück. Immer hin und immer her.
„Alle liegen auf der faulen Haut, lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen und leben in den Tag hinein, nur ich, der fleißige Friedolin muß mich abplagen, von früh bis spät. Kikeriki hier und kikeriki da, und wehe ich bin nicht pünktlich, dann ist das Geschrei groß. Meine eigentliche Aufgabe ist es mich zu präsentieren und mich von allen bewundern zu lassen.
Nicht umsonst habe ich mein schönes Federkleid. Ich werde mir also eine Krankheit ausdenken und bin dann ab morgen früh arbeitsunfähig. Ja, genauso mache ich das und dann werden wir sehen was passiert“, brummte Friedolin vor sich hin.
Keiner der anderen Tiere, auch nicht der Bauer,  bemerkte die Unzufriedenheit vom Friedolin und somit legten sich alle wie gewohnt bei Sonnenuntergang nieder und schliefen friedlich ein.
Bei Sonnenaufgang blinzelte der königliche Hahn nur kurz mit seinen Augen und dachte bei sich: „Heute morgen gibt es kein Kikeriki vom guten Friedolin und kein guten Morgen. Ich sage einfach ich habe Zahnschmerzen und lasse mich vom Bauern krankschreiben, sollen die anderen sehen, wie und wann sie wach werden“. Dann drehte er sich auf die andere Seite und schlief wieder friedlich und zufrieden ein.

Die Sonne stand schon lange am Himmel, als König Simsebart sich seinen Schlaf aus den Augen rieb. Schnell griff er zur Glocke und bimmelte solange, bis der königliche Hauptdiener erschien.
 „Schnell zu meinem  Frühstück“, rief der König gutgelaunt, „ich habe einen prächtigen Hunger und kann es kaum erwarten, bis ich all meine guten Häppchen verspeisen kann“.
Er warf sich seinen königlichen Mantel über sein Nachtgewand und eilte mit schnellen Schritten in Richtung Speisesaal. Der Hauptdiener begleitete ihn aufgeregt und rief immer wieder: „Herr König, was für eine Katastrophe , Herr König was für ein Unglück“.
„Papperlapapp“, entgegnete der König, „für Unglücke und Katastrophen habe ich jetzt keine Zeit, erst muß ich mein geliebtes

Morgenmahl zu mir nehmen, dann können wir über diese Kleinigkeiten reden“.
Im Speisesaal angekommen, stieß der König einen schrillen Schrei aus und brüllte: „Potzdonnerblitz, was sehen meine müden Augen, alle Teller sind ja leer, und kein Glas ist gefüllt? Was ist hier eigentlich los“?
„Herr König“, stotterte der königliche Hauptdiener, „Herr König, wir wissen ja alle nicht, was geschehen ist. Wir haben alle verschlafen, vom kleinsten Küken bis hin zu eurer Majestät, ich glaube das ist der Weltuntergang“, jammerte der Hauptdiener weiter und warf sich schluchzend von die Füße des Königs und winselte um Gnade.
„Verschlafen?“ fragte erstaunt der König, „dann findet den Schuldigen und bringt ihn zu mir, sofort“, befahl der König nachdenklich und verließ mit knurrendem Magen den Speisesaal.
 „Findet den Schuldigen“ gab der königliche Hauptdiener den Befehl an seinen Untergebenen, den königlichen Oberdiener, weiter. Der wiederum gab den Befehl weiter an seinen Untergebenen, dem königlichen Unterdiener.

„Wie soll ausgerechnet ich den Schuldigen finden, der Schuld an dem ganzen Unglück ist“, jammerte dieser und suchte einen neuen Schuldigen. „Der Bauer, ja der ist der Schurke, der ist für alles verantwortlich“, dachte sich der Unterdiener und eilte mit seiner Botschaft zu seinem Vorgesetzten, dem Oberdiener. Der rannte so schnell ihn seine Füße tragen konnten zum königlichen Hauptdiener und berichtete von dem, was der Unterdiener vermutete.
Nachdem dieses Wirrwarr nun ein Ende hatte, trat der Hauptdiener vor den König und sprach mit erhobener Stimme: „Mein König, nach planvollen und schwierigen Erkundigungen konnte ich nur unter größter Mühe den Täter ermitteln. Es ist der Bauer. Er allein ist Schuld an allem, was das Königshaus erleiden mußte, und nur er allein ist für den knurrenden Magen meines Königs zur Verantwortung zu ziehen“.
„Bringt den Bauern zu mir“, sagte König Simsebart, und sein Magen knurrte so laut, daß es ihm vor sich selbst graute.
Auf dem Bauernhof unterdessen hat es sich schnell herumgesprochen, daß Friedolin mit Zahnschmerzen auf seinem Nachtlager lag. Alle hatten verschlafen und waren bemüht, die fehlende Zeit wieder einzuholen, aber der Schaden war nicht wieder gut zu machen.
Die Eier, die die Hühner sonst in den frühen Morgenstunden legten, erreichten erst Stunden später die königliche Küche und genauso war es mit der guten Ziegen- und der Schafsmilch.
Aber alle Tiere bedauerten Friedolin und hatten Mitleid mit dem angeblichen Kranken. Sie versorgten ihn so gut es ging mit frischem, weichen Stroh für sein Krankenlager, brachten ihm die leckersten Körner und köstliches frisches Wasser. Ja sogar die kleinen Hofmäuse taten sich zusammen und sangen dem Patienten ein Liedchen nach dem anderen vor, damit er auch recht schön sanft vor sich hinschlummern konnte, und ein kleines Kätzchen bekam die Aufgabe, den Friedolin mit einem Fächer aus geflochtenem Laub ein frisches Lüftchen zuzuwedeln.

 „Ja“, seufzte der Friedolin vor sich hin, „dafür bin ich geboren und dafür lebe ich. Nie wieder werde ich für die anderen den Morgen ankündigen, denn auf immer und ewig werde ich meine Zahnschmerzen behalten, und alle werden sich dann für mich aufopfern und mich hegen und pflegen“.
Unterdessen begleiteten die Hofdiener den Bauern zum wartenden König. Als er mit gesengtem Kopf vor dem alten Simsebart stand und dieser ihn fragte: „Bist du schuld daran, daß ich heute morgen nicht meinen Kuchen, nicht meine Eierpfannkuchen, Spiegeleier und gekochten Eier, ein großes Glas Milch und eine noch größere Portion Ziegen- oder Schafskäse essen konnte“?
„Der Friedolin ist krank“, erwiderte leise der Bauer. „Der arme Kerl liegt schlaff und matt, blaß, ausgemergelt auf seinem Lager und konnte deshalb heute Morgen keinen von uns wecken, und eine Genesung ist auf kurze Zeit nicht in Sicht“.
„Mein königlicher Hofhahn ist krank“? fragte der König mitleidig, „was fehlt ihm denn, daß er so leidvoll auf seinem Krankenlager liegt“?
„Zahnschmerzen, mein König, der Friedolin hat entsetzliche Zahnschmerzen“, sagte der Bauer verlegen.
Der alte König Simsebart lief zuerst ganz blau an, dann wurde er puterrot im Gesicht und schrie: „Zahnschmerzen, er hat Zahnschmerzen? Ja weißt du dummer Bauer denn nicht, daß ein Hahn gar keine Zähne hat? Der führt uns alle an der Nase herum, dieser Tunichtgut, dieser Halsabschneider, dieser Lump“.
Wütend und aufgeregt lief der König hin und her, bis er plötzlich stehenblieb und man ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht wahrnehmen konnte.
„Dem zahle ich es mit gleicher Münze heim“, flüsterte der König und rief dann so laut er konnte, daß man es hinunter bis zum Bauernhof hörte: „Wo ist meine königliche Axt? Man reiche mir sofort meine königliche Axt! Ich werde diesem kranken Suppenhuhn höchst persönlich den Kopf abschlagen, und ihm die Federn einzeln ausrupfen. Auf meinem Bauernhof darf nur ein Hahn leben, der seine Pflichten erfüllt und nicht faul auf seinem Lager herumliegt“.
Friedolin, der das Schreien und die drohenden Worte seines Königs wohl vernommen hatte, lief es eiskalt den Rücken herunter.
„Mein guter König, mein geliebter Herr will mir den Kopf abschlagen?“, ging es ihm immer wieder durch den Kopf und eiligst sprang er auf, vergaß ganz schnell seine angebliche Krankheit und eilte zum höchsten Platz, den der Hof zu bieten hatte, nämlich den Misthaufen. Oben keuchend angekommen, rief Friedolin so laut er konnte und immer in Richtung zum königlichen Fenster: „Kikeriki, kikeriki, kikeriki“, und noch einmal, „kikeriki“.
„Na bitte, es geht doch“, sagte der König, „ich denke, daß ich morgen früh wieder alle meine Lieblingsspeisen auf meinem Teller und in meinem Glas habe“, lächelte er und kümmerte sich weiter um seine königlichen Staatsgeschäfte.
Friedolin aber, unser angeblich zahnkranke Hofhahn, kam nie wieder auf eine solch dumme Idee und weckte, wie schon in all den vergangenen Tagen, bei Sonnenaufgang alle seine Artgenossen auf dem königlichen Bauernhof und die Menschen im Palast.
„Kikeriki, guten Morgen, alles aufwachen, kikeriki“!


Ende

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