Der kleine Zauberdoktor Purzel


Vor vielen Jahren lebte einmal mitten im Wald ein kleiner Zauberer. Er hatte sich dort auf einem Baum eine kleine Baumhütte gebaut und sie sich recht gemütlich eingerichtet. Er sammelte Beeren, Pilze, Kräuter und allerlei Pflanzen und vermischte sie zu einer köstlichen Suppe, die er auch als Medizin einsetzte. Viele der Waldtiere, die krank waren oder sich verletzt hatten, suchten den Zauberdoktor Purzel, wie sie ihn nannten, auf und ließen sich von ihm behandeln. Er versorgte ihre Wunden, ließ sie von seiner Zaubersuppe essen und sprach dann, während er seinen Zauberstab hin und her schwang, sein Sprüchlein: 
„Abrakadabra zickezacke mek, dein Wehwehchen heilt nun ganz schnell weg“.


Die Tiere waren ihm alle sehr dankbar und liebten ihren kleinen Doktor Purzel, denn er war nicht nur in dem Bereich der Medizin kundig, nein, er hatte auch immer ein freundliches Wort für alle, die zu ihm kamen, und er hörte sich auch all die kleinen Sorgen der Waldbewohner an. Gerne gab er ihnen seinen Rat und half wo er nur helfen konnte.
Und wieder einmal wurde seine Hilfe benötigt. Er hatte sich gerade zu seinem geliebten Mittagsschlaf hingelegt, als er vor seinem Fenster ein leises Jammern hörte. Sofort sprang er auf, um nach dem Rechten zu sehen. Er schaute aus dem Fenster und sah ein kleines Eichhörnchen auf seiner Fensterbank sitzen.
„Nanu, mein kleiner Freund“, sagte Purzel, „was ist mit dir? Hast du Schmerzen, oder mit was kann ich dir behilflich sein“?
„Ich habe mir an einem Nüßchen meinen Zahn abgebrochen“, sagte jammernd das kleine Tier, „und nun kann ich nicht mehr kräftig zubeißen. Wie soll ich denn jetzt meine Nüsse knacken. Kannst du mir helfen, lieber Purzel“?
„Aber ja“, sagte der Zauberdoktor, setzte seinen kleinen Patienten auf seine Hand und ging mit ihm an seinen Tisch.
„Nimm einen Löffel von meiner Suppe und dann schreiten wir zur Tat“, sagte Purzel mitleidig und holte seinen Zauberstab. Dieser tat wie ihm geheißen und schaute neugierig dem Zauberer hinterher.
„So, nun noch mein Zauberspruch und dann hast du es geschafft“, lächelte Purzel und fing an mit seinen Armen herumzuwerkeln.
„Abrakadabra zickezacke mek, das Wehwehchen heilt nun ganz schnell weg“.
Und schon ging es dem kleinen Eichhörnchen besser. Es bedankte sich artig und eilte freudig mit einem neuen Zahn davon.
„Ein liebes Kerlchen“, dachte sich Purzel und legte sich nochmals nieder, um seinen Mittagsschlaf fortzusetzen.
„Piep, piep, piep, oh hab ich Bauchschmerzen“, hörte der Zauberdoktor als er gerade einnicken wollte. „Piep, piep, piep“, Doktor Purzel, bitte hilf mir“!
Schnell sprang er hoch und lief abermals zum Fenster.


Ein kleiner Vogel flatterte aufgeregt hin und her. Purzel streckte seinen Finger aus, und der Piepmatz setzte sich vertrauensvoll darauf. 
„Ich hatte mir einen Wurm aus der Erde gezogen“, zwitscherte der Kleine aufgeregt, „und habe wohl ein älteres und schon verdorbenes Modell erwischt, denn seitdem habe ich ein kräftiges Bauchweh“, klagte er und ließ sich vom Purzel behandeln.
Genau wie bei seinem ersten Patienten gab es erst ein Süppchen, und dann wurde der Zauberspruch aufgesagt. Auch diesmal hörte der Schmerz sofort auf, und dankbar flog der Vogel davon.
Für heute kam kein Gast mehr zum Purzel, und so machte er es sich gemütlich, las noch in einem guten Buch und ging dann müde, aber zufrieden zu Bett.
Am nächsten Morgen, er war noch gar nicht richtig wach, zog jemand ganz vorsichtig an seiner Bettdecke. Verwundert schaute er nach, wer das wohl sein könnte, aber so sehr er sich auch anstrengte, Purzel konnte niemanden sehen.
Er stieg mit einem Bein aus dem Bett, als er ein fiepsiges Stimmchen rufen hörte: „Vorsicht Doktor Purzel, ich bin hier unten“!
Er schaute auf den Boden und erblickte einen Tausendfüßler, der weinend und ganz verzweifelt auf seinem Bettvorleger saß.


„Oh weh, oh weh“, sagte Purzel, „was ist dir denn widerfahren, daß du so traurig bist“?  „Ich habe einen Schuh verloren“, schluchzte der Kleine und zeigte auf eines von seinen tausend Beinchen, die alle schöne Lederschuhe hatten, nur eines nicht, da sah der Zauberdoktor nur ein nacktes kleines Bein mit einem Ringelsöckchen dran.
 „Das ist ja furchtbar“, rief Purzel erschrocken, „da müssen wir sofort etwas unternehmen“! Eiligst lief er ins Nebenzimmer und holte seinen Zauberstab.
„Abrakadabra zickezacke mek, einen neuen Schuh auf diesen Schreck“, rief er und reichte dem kleinen Wurm einen nagelneuen Schuh.
Der bedankte sich überglücklich bei seinem Retter und schlüpfte so schnell er konnte in seinen neuen Schuh und machte sich eiligst auf den Weg, zurück in den Wald.
„Was doch für furchtbare Dinge passieren können“, dachte sich der Purzel und lief kopfschüttelnd in seine Küche, um ein neues Süppchen anzurühren.
„Poch, poch“, klopfte es laut an seiner Tür. „Jemand zuhause“? rief eine Stimme und klopfte abermals. Purzel öffnete und sah einen alten Bekannten, den Hasen Friedolin. „Sieh dir mein Bein an“, rief dieser aufgeregt, „alles geschunden und verbunden. Als ich gestern mit meinen Kumpels ein Wettrennen veranstalten wollte, habe ich mir meinen Fuß verstaucht und kann seitdem nicht mehr laufen und muß mich auf einen Stock stützen“.


„Setz dich, mein Freund“, sagte beruhigend Purzel und reichte ihm von seiner Suppe. Er holte abermals seinen Stab, schwang seine Arme einmal hoch, einmal runter und wiederholte seinen Zauberspruch:
„Abrakadabra zickezacke mek, dein Wehwehchen heilt nun ganz schnell weg“.
Der Hase schaute dem Zauberdoktor aufmerksam zu und heckte einen bösen Plan aus. Er wollte seinen Stock gegen den Zauberstab austauschen und dann selber ein Doktor sein. Als er sein Bein wieder bewegen konnte und er gut zu Fuß war,  setzte er seinen Plan in die Tat um und stahl dem Purzel seinen Stab.
Schnell nahm er sich aus dem Zauberstabhalter den Zauberstab und steckte seinen alten Stock hinein, rief laut: „Tschüss, und danke für deine Hilfe“, warf die Tür hinter sich zu und rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten zurück in den Wald.
Stunden später bemerkte Purzel die schändliche Tat von seinem Freund, den Friedolin und alarmierte sofort die Elfenpolizei.
Der Diebstahl wurde zur Kenntnis genommen, und im ganzen Wald wurden an den Bäumen Steckbriefe von dem diebischen Hasen angebracht.
Überall schwärmten die Elfen aus, um dem Purzel zu helfen, denn es war nicht nur für ihn eine große Not, sondern auch für die vielen kleinen Tiere im Wald,
die er nun nicht mehr heilen konnte.


Friedolin aber hockte zitternd vor Angst und Scham in seiner Höhle, denn er hatte davon gehört, daß man ihn und den Zauberstab sucht.
Eine Elfe, die gerade Streife durch den Wald flog, wurde durch ein lautes Klappern, das aus einer Höhle kam, aufmerksam. Sie warf einen Blick hinein und sah den Friedolin zähneklappernd in seiner Ecke sitzen.
„Bitte sperrt mich nicht ein“, jammerte dieser, „ich habe es doch nicht so gemeint. Ich wollte doch auch nur einmal ein Zauberdoktor sein, aber ich bereue es, daß ich dem Purzel seinen Zauberstab gestohlen habe“.
„Du böser, böser Hase“, schimpfte die Elfe, „schämst du dich nicht den braven Purzel zu bestehlen. Und was ist mit deinen Nachbarn? Was ist wenn jemand krank ist und ihm kann durch deine Schuld nicht geholfen werden“?
Sie nahm dem Hasen den Zauberstab weg, und er mußte sie, vorbei an all den vielen anderen schimpfenden Tieren, zum Purzel begleiten.
Dort angekommen, sagte der Zauberdoktor enttäuscht zu Friedolin :
„Das hätte ich nie von dir gedacht mein Freund, aber Strafe muß sein. Er ging auf ihn zu, faßte ihn an seinen Ohren und zog einmal kräftig daran. Dann schwang er seinen Zauberstab und sprach:
„Abrakadabra zickezacke pink,
einen kleinen Zauber, schnell herbei und flink,
als Hase kannst du zickzack rennen,
aber an den langen Ohren soll man dich erkennen“.
Von nun an hatte Friedolin ganz lange Ohren, und er schämte sich vor all seinen Freunden und Nachbarn, denn er war damals der einzige Hase, den dieses Schicksal ereilte.
Er hatte sich aber vorgenommen, nie wieder böse zu sein, und mit der Zeit haben ihm auch alle seine Schandtat verziehen.
Heute besitzen alle Hasen lange Ohren, aber ob diese etwas gestohlen haben wie unser Friedolin, daß kann keiner mit Gewißheit sagen.


Ende
  


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