Der ängstliche Riese


Es war einmal ein kleines verschlafenes Dorf. Die Bewohner waren fleißig und lebten von ihrer Ernte, denn sie pflanzten im Frühjahr so allerlei Gemüse und Obst selbst an. Man hatte von allem, das es reichte, und niemand brauchte zu hungern oder gar zu betteln. Die Leute lebten zufrieden, waren freundlich und nett. Die kleinen Häuser waren sauber und mit viel Liebe hergerichtet. Jeder hatte seinen kleinen Garten, so auch Oma Lenchen.
Oma Lenchen hatte eine Vorliebe für Tomaten, deshalb entschloß sie sich wie jedes Jahr aufs neue, in ihrem Vorgarten nichts anderes als ihre geliebten feuerroten Tomaten anzupflanzen. Sie hatte auch ein kleines Kaninchen, mit dem sie oft Gespräche führte, wenn sie alleine war. Im Dorf lächelte man deswegen über sie, aber alle liebten ihr Oma Lenchen und gingen ihr auch zur Hand, wenn mal Not am Mann war.
Eine Stunde Fußweg, hinter dem Dorf, stand ein großer Berg, in dem ein Riese wohnte. Er tat keiner Fliege was zu leide, deshalb fürchtete sich im Dorf auch niemand vor ihm. Man ließ ihn in Ruhe und ließ ihn gewähren, wenn er sich ab und zu mal von den Äckern eine Rübe oder einen Maiskolben holte. Schließlich hatte auch er Hunger, und man wollte in Frieden miteinander auskommen.
Oma Lenchen stand kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag. Das große Ereignis sollte im ganzen Dorf gefeiert werden, und man wollte sie an ihrem Ehrentag so richtig verwöhnen. Die Häuser wurden geschmückt, die Laternen mit bunten Fähnchen und Luftballons herausgeputzt, und eine Musikkapelle sollte zum Tanz aufspielen. Es sollte ein richtiges Dorffest werden.
Oma Lenchen nahm einen Korb, in dem sie Kartoffeln, ein paar Äpfel, eine gute Flasche Wein und einige ihrer geliebten Tomaten hineinlegte und machte sich auf den Weg zum Riesen. „Er soll an meinem Geburtstag auch einen gedeckten Tisch haben,“ dachte sich Lenchen und stellte den Korb vor seinem Berg ab. Dann machte sie sich wieder auf den Heimweg.
Wenig später öffnete der Riese sein Bergtor, schaute vorsichtig zuerst nach links und dann nach rechts, nahm verwundert, aber freudig den Korb und verschwand blitzschnell wieder in seinem Berg. Er legte eine Tischdecke auf seinen Steintisch und breitete die Lebensmittel aus. Dann nahm er seine Serviette, band sie sich um den Hals und genoß die guten Gaben. „Hm lecker, ein guter Happen,“ schmatzte der Riese und rieb sich über seinem dicken Bauch. Als er die Tomaten in seiner Hand hielt, fragte er sich verwundert: „Was sind das denn für rote Dinger,“ und biß vorsichtig hinein. „Die schmecken ja wunderbar,“ rief er, „davon muß ich unbedingt noch mehr haben.“ Das Wasser lief ihm an seinen Mundwinkeln herunter, wenn er auch nur an die Tomaten dachte.
Also nahm er sich vor, in der Nacht, wenn alle im Dorf schliefen, sich auf die Suche nach diesen köstlichen roten Kugeln zu machen.

„Hoffentlich begegnet mir kein Hase,“ murmelte er vor sich hin, und ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Vor Hasen hatte er eine panische Angst, aber seine Gier nach den Tomaten war größer, deshalb verdrängte er schnell diesen Gedanken und wartete den Abend ab.
Im Dorf schliefen schon alle fest, als sich der Riese auf den Weg machte. Leise, ganz leise setzte er einen Schritt vor den anderen. Auf der Dorfstraße angekommen, schaute er in jeden Garten und ließ auch keinen Blumentopf aus, bis er endlich an Oma Lenchens Haus ankam. Dort leuchteten ihm die vielen roten Früchte entgegen. Er hatte solch einen Heißhunger, daß er sich schnell ein paar in seinen Mund steckte, den Rest in seine Taschen füllte und sich auch nicht zurückhalten konnte, die noch grünen Tomaten zu pflücken.
Er war so beschäftigt, daß er zuerst gar nicht bemerkte, daß Oma Lenchens kleines Kaninchen ihm direkt über seine Beine hoppelte.
Er schaute hinunter und sah das kleine Tier auf seinem großen Zeh sitzen. Er schrie einen spitzen und grellen Schrei aus und rannte so schnell er konnte die Dorfstraße entlang in Richtung Berg.
Oma Lenchen, die durch den Lärm des Riesen erwachte, sah mit Entsetzen, was der in ihrem Garten angerichtet hatte. Nicht eine einzige Tomate hing mehr an den Stauden, und sie schwor sich, dem Riesen einen Denkzettel zu verpassen, an den er sein ganzes Leben lang denken würde.
Am nächsten Morgen nahm sie ihr Kaninchen auf den Arm und machte sich auf den Weg zum Berg. Sie plazierte das kleine Tier so, das es einen riesigen Schatten, zehnmal größer als der Riese selbst, auf den Berg warf. Dann klopfte sie an dessen Tür. Verlegen und voller schlechtem Gewissen schaute der Riese durch ein Türspalt und hörte Oma Lenchen sagen: „Komm heraus, ich möchte dir etwas zeigen.“

Langsam und ängstlich trat der Riese vor den Berg und ein Schauer nach dem anderen jagte über seinen Rücken, als er den Schatten von Lenchens Kaninchen sah. „Das nächste Mal, wenn du in unseren Gärten stiehlst, jage ich dir das Ungeheuer auf den Hals,“ schimpfte die Oma und konnte sich ein schadenfrohes Lächeln nicht verkneifen, als sie den zitternden Kerl neben sich sah.
„Nie wieder werde ich das tun,“ stotterte der Riese, „nie wieder.“
Oma Lenchen
nickte zufrieden, nahm ihr Kaninchen auf den Arm und machte sich auf den Heimweg.
Nun konnte das Fest beginnen. Alle im Dorf ließen ihre Oma hochleben und es wurde getanzt und gelacht. Als Geburtstagsgeschenk bekam Oma Lenchen einen großen Korb voll mit Tomatenstauden. „Naja,“ dachte sie so bei sich, „bei der Menge kann ich dem großen Spitzbuben ab und zu mal ein paar Tomaten abgeben.“ 



Ende

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